GARAGISTA

Camargue Neulackierung

Camargues sind seltene Autos, und wenn schon mal einer in Deutschland angeboten wird kann man nicht die gleichen Auswahlkriterien anwenden wie beim Kauf eines „Massenautos“ wie einem Mercedes. Man muss Kompromisse eingehen, denn das nächste Modell steht nicht gleich um die Ecke.

2261-11309352823-1So war es auch in diesem Fall: der 84er Camargue wurde in Schwarz angeboten, mit hellem Leder und blauem Teppich. Blauem Teppich? Ein Blick unter den Verkleidungen offenbarte denn auch, dass die original Farbe „Richmond Blue“ war – ein eher unspektakuläres Blau und sicher nicht die erste Wahl nach meinem Geschmack. Wann der Rolls umlackiert wurde konnte leider nicht nachgewiesen werden, ebenso wie der angezeigte KM-Stand von 45.000. Allerdings liess der Zustand der Technik, Karosserie und Innenraum keine wirklichen Zweifel aufkommen und die Laufleistung erschien zumindest glaubwürdig. Und da es sich um einen „späten“ Camargue handelte, also um einen auf Basis der Silver Spirit Plattform (geänderte Einzelradaufhängung hinten, Zahnstangelenkung vom Silver Shadow II und Hydraulik auf Mineral-Öl Basis „Mineral Car“) anstelle der frühen auf Silver Shadow, schlug ich zu.

2013-02-11-17-58-23Allerdings stand fest – schwarz geht gar nicht (ich mag keine schwarzen Autos), Richmond Blue auch nicht. Also sollte der Wagen in der Farbe meiner Wahl umlackiert werden: „Mistletoe“, ein Grünton in dem der Camargue m.E. besonders elegant wirkt. Aber nur mal eben drüberlackieren geht natürlich auch nicht, also gingen wir einen Schritt weiter und holten die gesamte(n) alte(n) Farbe(n) runter, auch um sicher zu gehen, dass sich nirgends die braune Pest versteckt hielt.

Zu diesem Zweck wurde denn auch die gesamte Innenraumaustattung ausgebaut. Erstens weil beim Lackieren unheimlich viel Staub generiert wird den ich dem Innenraum nicht zumuten wollte, und zweitens weil einige Bereich des Innenraums offensichtlich irgendwann einmal „individualisiert“ wurden.

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Die verlängerte Mittelkonsole (schwarz) ist nicht original

So wurde z.B. die originale Mittelkonsole aufgeschnitten und am vorderen Ende mit einer Holzkonstruktion „erweitert“ damit diese dann bis unter das Armaturenbrett reichte. Offensichtlich wollte der Eigentümer dort Platz für die Steuerung einer nachträglich eingebauten Standheizung sowie ein Ablagefach schaffen. Das Ganze wurde dann mit schwarzem Kunstleder bezogen, was aber zum originalen Deckel des Mittelfachs nicht passte. Das Ganze erschien mir reichlich gebastelt, und ich wollte unbedingt das Armaturenbrett wieder durch den Innenraum „schweben“ lassen, also im Fussbereich offen lassen. Es erzeugt ein zusätzliches Raumgefühl und Bewegungsfreiheit.

Nach dem Ausbau der Konsole und das Trennen vom Kunstleder wurde der abgeschnittene vordere Teil wieder durch ein angefertiges Alublech ersetzt und die gesamte Konsole inkl. Deckel neu bezogen. Wer hier ebenfalls tätig sein will: unbedingt alles aufschreiben wie die Konsole aufgebaut ist. Ansonsten ist es eine riesen Fummelei die diversen Schrauben, Federn und Halterungen wieder so einzubauen wie sie waren (glaubt mir, ich weiss wovon ich rede.)

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Der gestrippte Mitteltunnel

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Das Ergebnis kurz vor dem Einbau

Der Unterboden wurde vollständig mit einer Trockeneisbehandlung gesäubert und entlackt was einen freien Blick auf den Zustand der Bleche, Technik und Falze verschaffte. Zu Glück konnte keinerlei Rost oder ähnliches enttarnt werden, und das war das Geld schon wert.

Die Karosserie des Camargue ist da schon eine neue Herausforderung. Denn im Rahmen der Kooperation zwischen Rolls Royce und Pininfarina, wurden die Karosserien in Italien angefertigt und dann für die Montage nach England geliefert. Nun nehmen es die Italiener zu jener Zeit mit der Verarbeitung und Passgenauigkeiten nicht so eng, was dazu führte dass Rolls Royce die Karosserien vor der Lackierung noch einmal kräftig nachbearbeiten mussten: ordentliche Zinnarbeiten und viel Füllmaterial deuten auf zahlreiche Nachbesserungen hin bevor der Lack aufgetragen werden konnte. Selbiges mussten wir also auch erledigen, um Dellen, Wellen und Unebenheiten auszubessern. Zudem ist er Camargue eben auch ein grosses Auto mit verdammt viel Fläche, riesigen Türen (die grössten seiner Zeit), und alles eben seinerzeit in Handarbeit erledigt.

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Sieht gar nicht mehr nach Edelkarrose aus

Da die Türen ebenfalls ausgebaut wurden, mussten Sie denn auch für eine ordentliche Lackierung zerlegt werden. Hier ist ebenfalls jede Schraube und der Einbau der Fensterheber bis ins kleinste Detail zu notieren. Die Anschaffung eines Teilekatalogs ist das von großem Wert und Vorteil. Die Türen haben jeweils zwei Öffner, einen für den Fahrer bzw. Beifahrer, und jeweils einen für die hinteren Fahrgäste. Ferner sind elektrische Seitenspiegel, Lautsprecher, Zentralverriegelung, Beleuchtung unten und innen zu berücksichtigen. In jedem Fall – egal was getan werden muss – ist es ratsam den Teilekatalog zur Hand zu haben. Denn nur so lässt sich absoluter Sicherheit jede Schraube und jedes Teil wieder dort anbauen wo es auch hingehört. Ganz einfach weil fast alles an einem Rolls Royce aufwändiger konstruiert worden ist als bei einem „Masseauto“. Also: kein Ausbau ohne Teilekatalog!

Der Fensterheber eines Rolls Royce ist dabei schon eine feine Sache: nix ist mit billigen Seilzügen oder Scheren – hier werden die Fenster per Kettenantrieb (!) gehoben und versenkt. Diese halten garantiert 100 Jahre! Und auch die Schliesszylinder der Zentralverriegelung haben ordentliches Format – also auch hier auf die richtige Justierung achten.

img_1577Auch die Verkabelung der Schalter für die Fensterheber ist zu notieren bzw. zu fotografieren. Denn oft stimmen die Farbkennungen nicht überein! Was bei dem einen Schalter Gelb ist, ist bei dem anderen auch mal braun! Und da das Meiste von LUCAS stammt (Gott der Dunkelheit), muss peinlichst auf jedes Kabel ein Foto oder Beschriftung erfolgen. Also: Von jedem Schalter ein Foto machen, denn entgegen dem Einsatz von Steckern (wie bei Mercedes), sind beim Rolls die Kabel einzeln am Schalter anzubringen.

Die originalen Dämmmatten wurden ebenfalls entfernt und auf den Müll geworfen. Einerseits weil die Naturfasermatten gern mal müffeln, und Schmutz und Feuchtigkeit aufnehmen, andererseits weil es heute einfach viel bessere Lösungen gibt. Wir bedienen uns hier immer aus dem Angebot der Firma isoproQ aus Schwalmtal (www.isoproq.de) die ein umfassendes Angebot an Material speziell für Klassiker haben.

foto-25-11-16-16-00-24Im Innen- und Kofferraum des Camargue wurden denn auch schallisolierende Matten und Filze verlegt die sehr viel sauberer zu verarbeiten sind als die originalen Gummi-Schaumstoff Matten aus England. Die Matten sind selbstklebend und sehr leicht zu schneiden. Nur das Verlegen will sorgfältig geplant werden, denn wenn die Matten einmal kleben, bekommt man sie auch nicht mehr so leicht raus. Das ist zwar alles recht mühsam und zeitintensiv, aber es lohnt sich. Das Ganze wirkt dann schon viel professioneller und das Ergebnis ist spür- und hörbar: Dröhngeräusche durch Hohlräume, Wind- und Fahrgeräusche werden deutlich gedämpft und das kommt bei einem Rolls Royce immer gut an. Ruhig waren sie schon immer, jetzt ist er geradezu gespenstisch still.

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Husch, husch drüberlackiert….

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Schon besser!

Nacharbeiten waren auch nach der Lackierung an diversen Details notwendig. So hatte z.B. der Lackierer den Bereich des Tankeinfüllstutzens komplett in Wagenfarbe lackiert (und das auch noch schlecht) so dass hier nachgebessert wurde damit der Anblick stimmig wird. Manchmal sind es eben die Details die zählen, zumal ich es nicht haben kann wenn ich mich bei jedem Tankvorgang am Anblick ärgere.