GARAGISTA

Der erste Blick

Angeboten wurde dieser 400er auf mobile.de von einem Händler im süddeutschen Raum der ihn wiederrum von einem Sammler gekauft hatte. Die Historie des Wagen war nicht eindeutig belegt, was mich unter normalen Umständen dazu veranlassen würde wieder das Weite zu suchen bzw. den Wagen gar nicht erst in Betracht zu ziehen.

unbenanntIch habe also mit der Fahrgestellnummer im Internet gesucht und bin auch fündig geworden. Unter diesem Link fanden sich ein paar Fotos des Ferrari mit holländischer Zulassung und bei einigen Veranstaltungen: ferrari-register.nl Offensichtlich wurde der 400er oft bewegt, was ja erst einmal gut ist – Ferrari müssen bewegt werden! Unklar blieb dennoch die Historie, aber auch hier bleibe ich am Ball. Ebenfalls im Dunkeln blieb die tatsächliche Laufleistung.

Ich gehöre aber zu der Art Käufer die nach Farben und Anmutung entscheiden. Das Grün geparrt mit der dunkelgrünen Lederausstattung hatte mich gepackt, denn 400er sind, vor allem in Deuschland, in fast allen Fällen Silber, Blau oder Schwarz mit hellem Leder. Aber der hier hatte etwas elegantes was sonst nur Aston Martin oder Rolls Royce ausstrahlen.

Der erste Eindruck war zwar dann auch positiv, aber natürlich nicht ohne Macken. Jeder weiss, dass 400er seinerzeit Alltagsautos für Anwälte, Doktoren, Unternehmer oder Notare waren, also dementsprechend auch genutzt wurden. Die Tatsache dass der Kilometerzähler nur bis 99.999 zählt, macht eine Einschätzung bei fehlendem Bordbuch eher schwer. Hatte er nun 78.000 oder 178.000 km auf der Kurbelwelle?

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Das Interieur zeigt sich gebraucht, aber gepflegt. Typisch sind die Abnutzungsspuren an den Sitzflanken und am Teppich. Hinten war das Leder wie neu (keine Kinder und keine Haustiere), das Holz nicht rissig oder verblichen (Garage), und auch der Himmel sauber (kein Raucher). Auch das Leder duftete noch immer herrlich schwer und eher nach Club als nach Auto. Das Lenkrad war da schon  etwas abgenutzter. Mein 328 GTS hat auch fast 30 Jahre auf dem Zähler ebenfalls 90.000 km runter, dort ist das Lenkrad aber noch fast neu. Vielleicht liegt es daran dass ich fast immer Handschuhe beim Fahren trage.

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Von unten sah der Wagen aus wie jedes Auto nach 30 Jahren: viel Strassenstaub, vermischt mit Öl und Fett. Da zeigt sich der Alltagseinsatz. Zum Glück hatte ein Vorbesitzer den Wagen mit Hohlraumkonservierung versehen, was anhand der zahlreichen Bohrungen und Versschlüsse an Rahmen und Blechen zu erkennen war. Entsprechend hielt sich die braune Pest auch in Grenzen: weder an den Schwellern noch an den vorderen Rahmen gab es Durchrostungen. Auch die Türen waren einwandfrei. Nur hinten in den unteren Ecken der Tank im Bereich des Spritzwassers hatten sich ein paar Blässchen gebildet, ärgerlich, aber keine Katastrophe.

Wesentlich störender war da schon der Zustand der Buchsen und Aufnahmen der Aufhängung: polternde Geräusche während der Probefahrt signalisierten dass diese erneuert werden sollten, wollte ich den Wagen fahren wie es sich für einen Ferrari gehört. Bei einem 400er sind das Aufwendungen die beim Händler gerne mal bis zu 4.000,- € verschlingen! Grund dafür ist die Menge an Arbeit die es braucht um die alten Buchsen auszuarbeiten. Auch die Bremsen funktionierten nicht ganz so wie es sein sollte, also war klar dass auch hier Arbeit anstand. Das GM Getriebe dagegen schaltete wie am ersten Tag – typisch für das robuste TH 400.

Der Motor sprang ohne Probleme an und lief sofort rund und weich. Keine Aussetzer, kein Ruckeln im kalten oder warmen Zustand, kein Bläuen aus dem Auspuff, kein störendes Ansprechverhalten. Zunächst schien alles OK und entsprechend einfach fiel die Kaufentscheidung aus. Zuhause aber stellten wir fest, dass der Motor im warmen Zustand zwischen 1.500 und 2.000 leichte Mahlgeräusche von sich gab, was logischerweise eigentlich nur von der Steuerkette kommen konnte die bei bestimmten Drehzahlen irgendwo auflief. Aber wo?

Erster Akt: ein Blick in die Ölwanne. Nachdem das Öl abgelassen wurde, bauten wir die Ölwanne ab um zu schauen ob hier bereits etwas zu entdecken war. War es!

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So etwas sieht natürlich keiner gern in seiner Wanne! Kleine Aluminiumsplitter die eindeutig abgehobelt wurden, also ründlich in Form waren. Also hobelte die Kette irgendwo am Gehäuse des Stirndeckels Material ab.

Zweiter Akt: Prüfung der Kettenpannung. Dazu gibt es klare Anweisungen im Werkstatthandbuch: Motor warmlaufen lassen,  dann Kettenspanner mit einem 19er Schlüssel lösen damit mit einem 8er Imbusschlüssel die Feder im Kettenspanner weiter eingedreht werden kann. Allerdings passt hier nicht jeder Imbus. Ich habe mir extrax zu diesem Zweck einen gebaut indem ich eine 8er Ratsche mit einem 8er Imbus verklebte. Damit habe ich jetzt ein Werkzeug extra für den 400er Kettenspanner! Lässt das Rasseln oder Mahlen nach wenn die Spannung angezogen wird, ist das Problem behoben. Rasselt oder mahlt es weiter obwohl der Kettenspanner bereits am Anschlag steht, ist die Kette zu ausgeleiert. Das war bei mir der Fall.

Normalerweise kann die Kette bei eingebautem Motor ausgetauscht werden. Die Ketten haben Schlösser und bei ausgebautem Kettenspanner lässt sich die neue Kette an der alten durchziehen. Das erfordert zwar etwas Geschick, ist aber möglich. Da ich beim Kettenspannen aber auch entdeckt hatte dass die Zylinderkopfdichtung rechts etwas feucht war und sich in der Ölwanne auch leichte Wasserrückstände fanden, entschied ich den Motor auszubauen und das Ganze ordentlich zu machen. Ohnehin war ich mir wegen der Kilometerleistung nicht mehr sicher, und so war es m.E. nur eine Frage der Zeit ehe eine Motorüberholung anstünde. Also warum nicht gleich Nägel mit Köpfen machen und die nächsten 30 Jahre Ruhe haben.

Das Urteil: der 400er war ein typischer Vertreter seiner Art, allerdings für die Laufleistung recht ordentlich gepflegt. Ich hätte ihn auch einfach so weiterfahren können und ihn so repariert wie er im laufe der Zeit kaputt geht. Aber das ist nicht meine Art. Also sollte er eine vollständige technische Revision erhalten:

  • Motor ausbauen und revidieren.
  • Fahrwerk ausbauen, Buchsen erneuern und Träger säubern und beschichten  lassen
  • Bremsen komplett überholen, Leitungen erneuern
  • Getriebe einmal durchchecken lassen
  • Lager und Spiel des Differenzials prüfen lassen
  • Unterboden komplett säubern, entrosten, grundieren und lackieren
  • Alle Wasser, Öl- und Benzinleitungen erneuern
  • Klimaanlage instandsetzen

Die Karosserie sollte nur an kleinen Stellen geschweisst und lackiert werden (hintere Radläufe, Steinschläge und Risse an der Frontschürze).

Der Innenraum bleibt unangetastet.