GARAGISTA

Die Ferrari-Maus

Der erste Blick lässt schon nichts Gutes erahnen.

Das Leder der Hutablage und des Armaturenbretts ist durch die Hitze geschrumpft, die Türverkleidungen haben Wasserränder, die zweifarbige Lederausstattung hat UV-Schäden und die ursprünglich bordeaux-farbenen Applikationen sind nur noch bräunlich. Das Connolly-Leder hat mehrere kleine Beschädigungen und Risse. Aber zusätzlich auch zwei größere Verhärtungen und Löcher im Beifahrersitz. Dazu hat offensichtlich der erste Besitzer eine in den 80ern top-moderne Hifi-Anlage eingebaut, aber leider auch nicht davor halt gemacht, jeweils fünf zusätzliche Lautsprecherausschnitte in den Türverkleidungen vorzusehen. In der inzwischen welligen Hutablage thronen zudem noch zwei große Pioneer-Lautsprecher.

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Wasserschäden an den Türverkleidungen, Löcher für die Lautsprecher, UV-Schäden am Connolly-Leder und Löcher im Beifahrersitz. Hier gibt es viel zu tun.

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Zusätzlich ist der Teppich durch Feuchtigkeit und Alter verschlissen und die Fußmatte des Beifahrers mit den typischen Gummi-Absatzschonern fehlt gänzlich. Das ist doch eigentlich schon genug, doch eine Überraschung erkennen wir erst bei der Demontage: In unserem Ferrari hat sich eine Maus häuslich eingerichtet. Die Ferrari-Maus.

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Die Ferrari-Maus hat hier wirklich ganze Arbeit geleistet. Der Schaumstoff der Polsterung wurde zernagt und es gibt haufenweise Reste von Nussschalen

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Auch hat die Ferrari-Maus eifrig Höhlen und Gänge angelegt

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Vieles wurde verschont – manches aber nicht. Hier sind nur noch die Reste der Sitzverstellung übrig geblieben.

Die vielen Lautsprecher und die Charta von Turin

Wie gesagt, gehen wir davon aus, dass die vielen zusätzlichen Lautsprecher zugleich bei Auslieferung oder zumindest in den ersten Jahren eingebaut wurden. Der damalige Eigentümer hat offensichtlich Wert auf eine „große“ Hifi-Anlage gelegt. Wie geht man heute im Rahmen einer Restaurierung damit um? Soll/Muss oder darf der Wagen in den Auslieferungszustand zurückversetzt werden? Muss die Veränderung so bleiben, um den Zeitgeist zu erhalten, obwohl man heute hierzu nur den Kopf schütteln kann?

Die Charta von Turin sagt hierzu folgendes:

Artikel 6, „Geschichte”

Veränderungen, aus der normalen Gebrauchszeit, eines historischen Fahrzeuges gegenüber dem Auslieferungszustand sind Zeugnisse der Fahrzeuggeschichte. Diese sollten daher erhalten bleiben.
Die Restaurierung eines historischen Objektes erfordert darum nicht, sein Aussehen und seine technischen Merkmale ins Erscheinungsbild des ursprünglichen Baujahres zurückzuversetzen.

Demnach müssten wir dies erhalten. Aber können wir uns dazu durchringen? Ist dieser überdimensionale Einbau einer Hifi-Anlage tatsächlich Fahrzeuggeschichte?

Das Blaupunkt Sound-Component-System von 1982

Was in den Ferrari eingebaut wurde, war das „Blaupunkt Sound-Component-System“. Ein System aus Tief-, Mittel-, und Hochtönern, wobei jedoch der Mitteltöner aus vier Einzellautsprechern zusammengesetzt wurde. So kommt man also auf die benötigte Anzahl von 1+4+1=6 Lautsprechern je Türe. Der Ferrari hat eine Einbauposition vorgesehen; die zusätzlichen fünf Ausschnitte wurden nachträglich angefertigt.

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Blaupunkt Sound-Component-System; Prospekt 1981/83

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Gemäß der Carta von Turin sollten diese Einbauten erhalten bleiben. Aber will man das wirklich? Können 35 Jahre alte Lautsprecher überhaupt noch die Ansprüche erfüllen, die man heute an ein Fahrzeug und sein Audiosystem hat?

Wir haben uns für einen Kompromiss entschieden. Das System Blue Magic soll in unserem Fahrzeug auch später noch zu erkennen sein. Jedoch lediglich reduziert und mit aktuellen Komponenten dargestellt bzw. sollen die aktuellen Komponenten hinter den historischen Abdeckungen verborgen bleiben. Blaupunkt hat just die Serie „Blue Magic“ wieder neu aufgelegt. Hieraus werden wir die Komponenten wählen; damit bleiben wir der Historie treu. Auch sollen die Pioneer Hecklautsprecher gegen Systemkomponenten von Blaupunkt Blue Magic ausgetauscht werden. Die vier Ausschnitte in der Türe werden jedoch zurückgebaut, d.h. der Wagen wird hier teilweise wieder in den Auslieferungszustand zurückversetzt. Die nun verbliebenen Veränderungen sind natürlich viel dezenter. Auffällig ist im Grunde nur noch der Hochtöner. Aber dies soll uns als Denkmal reichen.

Das Connolly-Leder der Innenausstattung soll erhalten bleiben

Beim Ferrari 400i sind tatsächlich fast alle Teile der Innenausstattung aus Leder gefertigt. Lediglich die Sonnenblenden, Teile der Himmelverkleidung und die Seitenverkleidungen im Fußraum sind aus Kunstleder. Wie lautet das Konzept, um die Innenausstattung bestmöglich zu behandeln?

Trotz der vielfältigen Schäden wollen wir dennoch viel Erhalten und Konservieren. Mit Autos, bei denen die Innenausstattung neu angefertigt wurde, können wir uns nur schwer anfreunden. Zuviel geht nach unserem Ermessen dabei vom Charakter verloren. So soll das Leder der Innenausstattung hier grundsätzlich erhalten werden, lediglich das stark geschrumpfte Leder von Armaturenbrett und Hutablage müssen wir austauschen. Der Schrumpfprozess ist leider nicht reversibel. Auch die Türinnenverkleidungen müssen neu gefertigt werden, um die oben genannten Lautsprecherausschnitte für die Mitteltöner zurückzubauen. Zusätzlich wollen wir lediglich noch die Kunstleder-Sonnenblenden durch passendes Nappaleder ersetzen. Und natürlich: Die originalen Farben sollen wieder hergestellt werden.

Kann das Lederzentrum helfen?

Da die Problemstellung offensichtlich doch recht anspruchsvoll ist, sind wir vom Lederzentrum zu einer Anwenderschulung eingeladen worden. Hier konnten wir auch gleich die benötigten Farben bestimmen und anmischen lassen. Gut geschult und gut gerüstet gingen wir dann ans Werk.

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Farbanmischung im Lederzentrum. Nach einigen Justierungen waren die passenden Farben hergestellt.

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Rot als Hauptfarbe und Bordeaux für die Applikationen

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Die umfangreiche „Hexenküche“

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Die Risse werden mit einem Vlies unterlegt und mit Lederkleber geklebt…

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…und mit Füller aufgefüllt

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Nach Entfetten, Reinigung, Anschleifen und dem Haftgrund wird eine Vorfarbe aufgetragen, um einen homogenen Untergrund herzustellen.

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Die Innenausstattung in der Vorfarbe

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Anschließend werden die Applikationen eingefärbt. Hier haben wir das Abkleben noch mit Malerklebeband versucht. Besser hat sich aber später das klassische Elektrikerisolierband bewährt.

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Das Rot ist viel kräftiger und heller als wir es im Wagen vorgefunden haben. Jedoch ist dies der originale Farbton, der an Stellen ausgelesen wurden, die keiner UV-Strahlung ausgesetzt waren

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Die Sitzunterschalen und die Schienen wurden pulverbeschichtet; die Federn gelb verzinkt. Die Befestigungsschrauben wurden als V2A ersetzt

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Nach Finish der Oberfläche sind die Sitze dann schon mal fertig. Das Ergebnis ist beeindruckend.