Ferrari 365 GTB/4

Der Ferrari 365 GTB/4 „Daytona“ ist mit Sicherheit der letzte seiner Art. Ein typischer Ferrari der alten Schule mit kernigem Frontmotor, langer Schnauze und einer Lenkung und Pedalerie die ohne Training im Fitness-Club nicht zu meistern ist. In den 60er Jahren war er der Playboy-Racer schlechthin, oft gesehen auf Sylt, der Riviera, Kalifornien oder Monte Carlo, aber auch auf den großen Rennstrecken wie Le Mans, Daytona Beach oder Spa Francorchamps. Offiziell hieß der 365 GTB/4 natürlich nie „Daytona“. Dieser Spitzname wurde ihm von der Fachpresse erteilt nachdem Ferrari beim amerikanischen 24-Stunden-Rennen 1967 in Daytona Beach ein umjubelter Dreifachsieg der Ferrari-P4-Prototypen gelang.

109Im direkten Vergleich wirkt sein Vorgänger, der 275 GTB, fast schon fragil und feminin. Der Nachfolger, der 365 GT4 BB bzw. später 512 BB, war wiederrum der erste Vertreter der großen Mittelmotorsportwagen. Firmenpatriarch Enzo Ferrari konnte sich mit dem „Daytona“ also ein letztes Mal mit seiner Vorliebe für Frontmotoren durchsetzen, denn hinter dem Fahrer eingebaute Motoren waren ihm schon immer eher suspekt. Bei der Entwicklung des 250 LM sagte er einmal: „Ein Pferd spannt man vor den Wagen, nicht dahinter!“. Als der 365 GTB/4 1969 in Produktion ging, stand bereits fest, dass bald ein Mittelmotornachfolger kommen würde, der Daytona galt intern zunächst also nur als Übergangslösung zwischen den erwähnten 275 GTB und 365 GT4 BB bzw. dem 512 BB.

Der Daytona ist auch heute noch ein sehr schnelles Auto. Man muss sich das noch einmal vorstellen wie er zu seiner Zeit gewirkt haben muss: ein Porsche RS errreichte seinerzeit gerade einmal 230 km/h, ein Mercedes 300 SEL 6,3 um die 225 km/h. In diesen Geschwindigkeitsbereichen legt der Daytona-Fahrer erst den letzten von fünf Gängen ein und voll ausgefahren erreichte der Daytona dann sagenhafte 280 km/h! Wer sich dann noch im Werk den Motor in LM (LeMans) Spezifikation umbauen ließ erreichte 300 km/h! Und das 1970.

img_0784Wer Daytona fahren will muss indes ordentlich zupacken können. Es gibt keine Servolenkung und der Motor mit seinen sechs Doppelvergasern und zwei Nockenwellen pro Bank lastet recht schwer auf der Vorderachse. Einparken erfordert einen strammen Bizeps und echte Nerven. Niedertouriges Herumgejuckel in der Stadt oder auf engen Landstraßen ist nicht seine Sache. Sobald aber seine zwei Pumpen Hochprozentiges in die sechs Doppelvergaser pumpen, verwandelt er sich in eine fauchende Raubkatze, dreht gierig hoch und prescht mit seinen 352 PS mit Nachdruck nach vorn. Es sind den auch die langen Geraden und die großen Radien, die dem Daytona liegen. Er liebt die Autobahn wo der oben erwähnte Nachteil des schweren Motors zum Vorteil avanciert: stur zieht er seine Bahn, lässt sich auch von Seitenwind oder Spurrillen nicht aus der Ruhe bringen. Durch die Transaxle Bauweise (Motor vorn, Getriebe hinten) hat er zudem eine ausgesprochen harmonische Gewichtsverteilung und bei Nässe scheitern eher die Michelin XWX am Grip als dass der Daytona mit seinem Fahrwerk aus der Balance kommt. Er ist damit ein echter Grand Tourisme mit dem es sich verdammt zügig von Düsseldorf zum Genfer See oder von Nizza nach Paris reisen lässt. Jetzt schlägt seine Stunde, denn anders als sein ewiger Gegner, der Lamborghini Miura, verhält sich der Daytona auch noch berechenbar, wenn dem Miurafahrer aufgrund seiner mangelnden Aerodynamik und leichten Vorderachse schon der kalte Angstschweiß in die Sitze läuft.

Der Daytona ist somit ein echtes Männerauto. Keines für den Boulevard, und keines um damit zur Oper zu fahren. Er erfordert echte Arbeit, was heute in Zeiten von „selbstfahrenden“ Autos noch ein echtes Erlebnis darstellt. Wer also auf kerniges Sportwagenfahren steht und sich nicht scheut auch mal Klitschnass aus dem Wagen zu steigen, für den ist der Daytona genau das Richtige.

Unser Daytona ist kein normales Serienauto. Im Rahmen einer Motorrevision wurde die Maschine komplett nach Le Mans Spezifikation überarbeitet: schärfere Nockenwellen gemäß Werksangaben, Kolben mit höherer Verdichtung, geänderte Düsenbestückung in den Vergasern, eine elektronische Zündung von CraneCam und Krümmer aus Edelstahl resultieren in strammen 403 PS bei 7.400 U/min. Damit läuft der Daytona per GPS gemessene 301 km/h und scheucht so noch zahlreiche moderne Sportwagen vor sich her. Um die Leistung besser auf den Asphalt zu bringen wurde zudem ein geändertes Sperrdifferential eingebaut.

Bei Auslieferung war der Daytona ursprünglich Rot. Nicht wirklich aufregend, und ebenso „main stream“ wie schwarz, Silber oder Gelb. Als der Wagen im Rahmen einer Rally einen leichten Unfall an der Front erlitt und eine Neulackierung diskutiert wurde, entschlossen wir uns zur einer neuen Farbgebung in Blau.